21. September 2006

Mythos Blogvernetzung

vereistes Netz

Blogs stehen in dem rühmlichen Ruf, eine starke Vernetzung untereinander aufzuweisen. So sollen sich Themen und Meinungen von Blog zu Blog verbreiten, und damit eine größere Öffentlichkeit erreichen, als das einzelne Autoren könnten. Wie gut diese angebliche Vernetzung tatsächlich funktioniert, ist allerdings noch größtenteils unerforscht.

Blogger lesen sich gerne gegenseitig. Durchschnittlich 20 fremde Weblogs verfolgt jeder Blogautor (vgl. Schmidt / Wilbers 2006, S.22). Dadurch ergibt sich in der Tat eine gewisse Vernetzung, ähnlich dem Kleine-Welt-Phänomen (vgl. Milgram 1967). Viele Blogautoren berichten in ihren Blogs auch über Nachrichten, die sie in anderen Blogs gefunden haben. Theoretisch kann sich so eine Nachricht von Blog zu Blog verbreiten.

Betrachtet man jedoch praktische Beispiele für diese Vernetzungseffekte, so findet man erstmal nicht allzuviele. Viele Blogs verlinken nicht so häufig auf andere Blogs, wie allgemein angenommen wird. Herring et al. (2004, S.9) fanden heraus, dass nur 6,7 Prozent der Artikel auf andere Blogs1 verweisen – 31,8 Prozent enthalten überhaupt keine Links.

Leider gibt es keine wissenschaftlich fundierten Studien darüber, aber rein subjektiv betrachtet scheint die überwiegende Mehrheit an Blogartikeln sich nichtmal um eine Stufe weiterzuverbreiten.

Am häufigsten scheinen sich Themen zu verbreiten, die von klassischen Medien oder Nachrichtenseiten aufgebracht wurden. Themen, die aus der Blogosphäre stammen und sich dort auch verbreiten, sind höchst selten. Meistens handelt es sich um Skandale, die die Blogosphäre direkt betreffen.

Als Jean-Remy von Matt, Mitbegründer der bekannten Werbeagentur Jung von Matt, Weblogs als „Klowände des Internets“ beschimpfte, zog sich das Thema sofort durch zahllose Blogs. Ebenso zog es seine Kreise, als auffallend positive Kommentare zu einem kritischen Artikel auf Spreeblick über die Klingeltonfirma Jamba auftauchten und sich die anonymen Autoren schließlich als Jamba-Mitarbeiter entpuppten.

Neben diesen Extrembeispielen haben Themen meistens nur eine Chance auf nennenswerte Verbreitung, wenn sie von besonders bekannten Autoren bearbeitet werden. Artikel dieser wenigen „Starblogger“ werden häufiger von ihren bloggenden Lesern aufgegriffen – schaffen es aber wiederum seltenst über diese eine Verbreitungsstufe hinaus. Ähnlich wie erfolgreiche Journalisten in der realen Welt sind diese Autoren Sammelpunkte der Aufmerksamkeit mit besonders viel Einfluss.

Dieser Zustand ist jedoch die Ausnahme. Die meisten Blogger sind froh, wenn sie überhaupt einmal irgendwo zitiert werden. Von sich regelmäßig verbreitenden Themen und Meinungen kann keine Rede sein.

Quellen

Stanley Milgram: The Small World Problem. In: Psychology Today, Mai 1967, S. 60-67
Herring, S. C. / Scheidt, L. A. / Bonus, S. / Wright, E. (2004): Bridging the Gap: A Genre Analysis of Weblogs. Hawaii International Conference on Systems Science HICSS-37. Indiana University, Bloomington
Schmidt, Jan / Martin Wilbers (2006): Wie ich blogge?! Erste Ergebnisse der Weblogbefragung 2005. Berichte der Forschungsstelle “Neue Kommunikationsmedien”, Nr. 06-01.


1 Leider geht aus der Untersuchung nicht hervor, ob die Links zu anderen Blogs allgemein, oder direkt zu einzelnen Artikeln (und damit Themen) verwiesen.

Mehr über: BlogsEinflussInternetReichweiteVernetzungWeblogs

8 Kommentare »

  1. Also die Vernetzung von Blogs scheitert eigentlich schon an den Trackback-Systemen.

    Ich als Blogger.com nutzer kann z.B. hier, bei Wordpress, keinen Trackback setzen und umgekehrt. Blogger hat ein eigenen Trackback-System.
    Bei der großen Anzahl von Blogs auf Blogger.com darf man dieses nicht vernachlässigen. Und es gibt noch viele andere Blogsysteme die das gleiche Problem haben.

    Das ist eines der größten Probleme wie ich finde.

    Kommentar von Ryo — 23. Februar 2007 @ 9:01

  2. Information muss sich in der (deutschen?) Blogosphäre gar nicht über mehrere Stufen verbreiten, denn die Blogosphäre ist viel zu klein, als dass es mehrerer Stufen bedarf, den C-Blogger zu erreichen. Sehr viele Blogger lesen sehr wenige, aber dafür sehr bekannte Blogs. Top-Down funktioniert also meistens schon in einer Stufe. Gleichzeitig werden die Top-Blogger von ihren Lesern über interessante Artikel informiert: Über eine Quasi-Zwischenstufe funktioniert also auch Bottom-Up.

    Kommentar von Sympatexter — 26. Februar 2007 @ 18:55

  3. Diese eine Stufe ist aber für [Achtung, unbasierte Schätzung] 90% der Blogs praktisch nicht zu erklimmen. Die “A-Blogger” lesen nicht alle Blogs (können sie ja auch garnicht) und übernehmen auch nur einen winzigen Bruchteil der Themen aus den “C-Blogs”.

    Kommentar von Flo — 26. Februar 2007 @ 21:45

  4. […] Mythos Blogvernetzung: Eigenposting, eher deskritpives Fachthema, kein Brüller. Ich hätte es nicht als […]

    Pingback von Basic Thinking Blog » Blogperlen-Check — 8. August 2007 @ 14:45

  5. Es fehlen noch 1-2 Hintergründe, warum Blogger sich gegenseitig ignorieren und so autoritätsgläubig sind.

    Dass Blog-Artikel, je älter sie sind, imer weiter nach unten rutschen (im allgemeinen jedenfalls) ist ein weiterer trauriger Punkt.

    Kommentar von Klaus — 30. August 2007 @ 12:16

  6. Schlechte Blogs gibt es ja nicht. Nur schlechte Blogger. Heut denkt ja jeder er kann nen Blog betreiben. Konkurenzdenken verleitet dazu andere Blogs zu lesen, aber nicht diese auch zu verlinken. Traurig aber Wahr.

    Kommentar von anna — 2. Februar 2008 @ 2:56

  7. Ich selbst betreibe keinen Blog, lese aber sehr viel. So zu sagen Parasit der andere nutzt aber selbst nichts zurück gibt, ich verspreche aber hoch und heilig, dass es sich ändern wird.

    Bezüglich der Empfehlungen, kann ich noch dazu folgendes Sagen, allein wenn man dofollof und nofollow Blogs vergleicht, sieht man wie die meisten ticken, man möchte einfach nichts weiter geben, keine Links in Kommentaren und am besten überhaupt nichts. Man denkt er brauche keinen, sein Blog ist Zentrum von Universum und alle Besucher sollen hier bleiben und auf keinen Fall zu (Konkurrent) anderem Blogger über ein Link folgen.

    So sieht‘s aus, auch in Internetzeit man versuch auf sich Aufmerksamkeit zu ziehen aber keine Aufmerksamkeit abzugeben und wenn man sagt „wie geht es dann, man liest aber mehr Blogs als selbst hat“. Ja das stimmt, aber man liest andere um Informationen für sich zu sammeln und natürlich auch in Kommentare zu schreiben, damit andere durch diese Kommentare in eigene Blog folgen. Also rein egoistische Denkweise…..

    Kommentar von Panthera-IT — 2. Januar 2010 @ 22:14

  8. Ich als unbedarfter Pädagoge der einen Blog betreibt war neulich auf einer sogenannten SE0 (Suchmaschinenoptimierung). Wenn man den Ausführungen dieser SEOler glaubt geht eine Vernetzung der Blogs untereinander schon. Müssen sie sagen weil sie sich exat diese Leistungen bezahlen lassen;-)

    Grüße

    Thomas

    Kommentar von Thomas — 6. März 2010 @ 11:33

TrackBack URI

Einen Kommentar hinterlassen

Ich behalte mir vor, URLs zu löschen, wenn sie für Werbung halte.

Generell besteht kein Anspruch auf Veröffentlichung. Aber keine Sorge, kritische Meinungen werden nicht zensiert. Beleidigungen und Verbotenes werden allerdings gelöscht, falls sie mir auffallen.

Powered by WordPress

Abonnieren

blogoscoop